Wenn die Psyche berufsunfähig macht

aktualisiert am 13.10.2022

Erkrankung der Psyche

Mit unseren Sinnesorganen nehmen wir ständig Reize aus unserer Umwelt wahr. Manche empfinden wir als angenehm, andere verursachen Stress – wobei kurzzeitiger Stress nicht schlecht sein muss. Er setzt Energiereserven frei und ermöglicht uns, Höchstleistungen zu erbringen.

Problematisch ist jedoch dauerhafter Stress. Dieser kann zu psychischen Erkrankungen und diese wiederum zur Berufsunfähigkeit führen. Nervenkrankheiten und Erkrankungen der Psyche sind inzwischen sogar Hauptursache für Berufsunfähigkeit. Und Stress lauert überall.

Externe und interne (psychische) Stressfaktoren

Um Dauerstress abzubauen und psychischen Erkrankungen vorzubeugen, müssen wir unsere persönlichen Stressfaktoren (Stressoren) erkennen und korrigieren. Diese können externer oder auch psychischer Natur sein.

Externe Stressoren

  • ungesunde Ernährung bzw. Nahrungsmangel, Lärm, Hitze
  • Krankheiten, Schmerzen, Schlafmangel oder zu wenig Erholung,
  • Leistungs- und Termindruck,
  • gravierende Veränderungen im Umfeld (Verlust des Jobs, Scheidung, Tod eines nahen Verwandten),
  • Ärger, Mobbing oder körperliche Gewalt in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Familie.

Innere Stressoren

Innere oder psychische Stressoren sind häufig das Ergebnis unserer Erziehung oder Erfahrung. Hierzu gehören:

  • übertriebener Ehrgeiz, Perfektionismus,
  • Zukunfts- oder Verlustängste,
  • unerfüllte Wünsche,
  • Prüfungsangst.

Erkrankungen der Psyche machen vor keinem Beruf halt

Offenbar steigen in unserer Gesellschaft die Stressfaktoren immer mehr und immer weniger Menschen gelingt es, dem Dauerstress auszuweichen. Natürlich werden Depressionen, Burnout und andere Leiden inzwischen auch besser erkannt und damit häufiger diagnostiziert als noch vor Jahren. Nichtsdestotrotz haben sich Nerven- und psychische Erkrankungen in den letzten Jahren zur Hauptursache für Berufsunfähigkeit entwickelt. Und diese machen auch vor vermeintlich risikoarmen Büroberufen nicht halt, zumal die Quelle des Dauerstresses nicht immer im Berufsfeld zu suchen ist.

Laut GDV waren in 2020 psychische Leiden mit 29 % die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit. Frauen waren mit 33 Prozent häufiger betroffen. Bei den Männern lag dieser Prozentsatz mit 26 % deutlich niedriger – aber trotzdem relativ hoch.

In Anbetracht dieser Zahlen dürfte jedem Interessenten verständlich werden, warum es mit einer bereits diagnostizierten psychischen Erkrankung schwierig bis unmöglich wird, eine Berufsunfähigkeitsversicherung ohne entsprechenden Ausschluss abzuschließen. Umso wichtiger ist es, die Versicherung schon frühzeitig abzuschließen – also bevor risikorelevante Erkrankungen eintreten. Möglich ist der Abschluss einer vollwertigen Berufsunfähigkeitsversicherung schon für Kinder ab 10 Jahre.

Welche Versicherungen leisten bei Verlust der Arbeitskraft infolge psychischer Erkrankungen?

Grundsätzlich sind Erkrankungen der Psyche und deren Folgen sowohl bei Berufs- als auch bei Erwerbsunfähigkeitsversicherungen mitversichert. Deshalb auch der Abschluss beider Versicherungen schwierig, wenn bereits Erkrankungen der Psyche vorlagen bzw. vorliegen.

Der Unterschied: Die Berufsunfähigkeitsversicherung leistet schon, wenn die versicherte Person berufsunfähig ist, also wenn der zuletzt ausgeübte Beruf nicht mehr zum vereinbarten Prozentsatz (meist 50 Prozent) ausgeübt werden kann. Die Erwerbsunfähigkeitsversicherung leistet dagegen erst, wenn gar kein Beruf des allgemeinen Arbeitsmarktes für die vereinbarte Dauer (meist 3 Stunden täglich) ausübbar ist.

Es gibt nur einzelne BU-Tarife, die gegen diesen Grundsatz verstoßen und Erkrankungen der Psyche vom Versicherungsschutz ausschließen. Das sind die Tarife

  • „S-M.A.R.T“ der InterRisk Lebensversicherungs-AG und
  • „Job Comfort“ der Squarelife Lebensversicherungs-AG (Getsurance).

Allerdings kann bei bereits erlittenen psychischen Vorerkrankungen jeder Versicherer mit dem Antragsteller einen individuellen Leistungsausschluss psychischer Erkrankungen vereinbaren. Ein solcher Vertrag kommt aber erst dann zustande, wenn Sie diesem Ausschluss schriftlich zustimmen.

Häufig werden aber auch sogenannte Alternativen zur Arbeitskraftabsicherung (ich bevorzuge die Bezeichnung „Notlösungen“) angeboten. Bei diesen

erfolgen in der Regel keine Leistungen bei psychischen Erkrankungen. Wegen des deutlich eingeschränkten Versicherungsschutzes sind solche Versicherungen meist auch deutlich prieswerter.

Wie sinnvoll ist eine Versicherung zur Arbeitskraftabsicherung, wenn psychische Erkrankungen ausgeschlossen sind?

Wenn man sich vor den finanziellen Folgen des Verlusts seiner Arbeitskraft schützen, ist es natürlich nicht sinnvoll, ausgerechnet die Hauptursache einer Berufsunfähigkeit vom Versicherungsschutz auszuschließen.

Erschwerend kommt hinzu, dass es viele psychosomatische Störungen mit den unterschiedlichsten Auswirkungen gibt. Dabei fühlt sich der Betroffene krank, ohne dass Ärzte eine organische Ursache finden können. Ursache dieser Störungen ist der Einfluss der Psyche auf den Körper. Die Palette reicht von psychogener Taub- oder Schwerhörigkeit bis zu dissoziativen Bewegungsstörungen oder anhaltenden somatoformen Schmerzstörungen.

Das Problem: Um Leistungen zu erhalten, muss der Versicherte seine Berufsunfähigkeit nachweisen. Wenn jedoch Ärzte das Ausmaß seiner Beschwerden weder durch physiologische Prozesse noch durch körperliche Störungen erklären können, kann der Versicherer immer die Mitwirkung einer psychosomatischen Störung unterstellen. Sind dann jedoch psychische Erkrankungen und deren Folgen vom Versicherungsschutz ausgeschlossen, kann der Leistungsantrag relativ leicht abgelehnt werden. Deshalb sind Versicherungen, die mit dem Ziel der finanziellen Absicherung bei Arbeitskraftverlust abgeschlossen werden und psychische Erkrankungen ausschließen, bedenklich.

Doch nicht jede F-Diagnose führt zur Ablehnung

Das „F“ als Anfangsbuchstabe einer Diagnose kennzeichnet entsprechend der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) eine psychische oder Verhaltensstörung. Und eine solche Diagnose bekommt man schneller, als man denkt. Manchmal genügt schon eine Bitte um Krankschreibung, obwohl man nicht wirklich krank ist. Nicht selten lässt sich dann der Arzt eine solche Diagnose einfallen, um die Bitte erfüllen zu können. Manchmal erweist sich eine gestellte Diagnose im Nachhinein auch als falsch.

Versuchen Sie jetzt aber nicht, diese Diagnose zu verschweigen, falls sie in den von der Versicherungsgesellschaft abgefragten Zeitraum fällt. Im Leistungsfall prüft der Versicherer sehr genau, ob Sie die Antragsfragen vollständig und wahrheitsgemäß beantwortet haben. Kann er Ihnen eine Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht nachweisen, wird er im schlimmsten Fall von seinem Recht auf Kündigung, Rücktritt oder Anfechtung Gebrauch machen.

Gehen Sie offen mit dieser Diagnose um und erklären Sie dem Versicherer nachvollziehbar, wie es zu dieser Diagnose kam. Die zusätzlichen Informationen können dem Arzt der Versicherungsgesellschaft helfen, die damals getroffene Diagnose als Gefälligkeits- oder Fehldiagnose einzustufen. Und dann ist vielleicht sogar eine Normalannahme möglich.

Beispiel 1: Trauerreaktion

Wegen des Verlusts des Vaters wurde unser Mandant mit der Diagnose „F 43.2 Anpassungsstörung“ eine reichliche Woche krankgeschrieben. Da keine Behandlung erfolgte und er bei Antragstellung bereits über 2 Jahre beschwerdefrei war, konnten wir eine Normalannahme erreichen – obwohl ein anderer BU-Versicherer seinen Antrag bereits abgelehnt hatte.

Beispiel 2: akute Belastungsstörung

In diesem Fall suchte unsere Mandantin wegen eines erstmalig aufgetretenen Ohrenrauschen einen HNO-Arzt auf. Dieser diagnostizierte eine akute Belastungsreaktion („F 43.0“) im Zusammenhang mit bereits bekannten Beschwerden im Kiefergelenk. Durch das nächtliche Tragen einer Aufbissschiene schwanden später die Ohrengeräusche.

Auch hier konnte durch die schlüssige Beschreibung der Zusammenhänge der Antrag ohne Risikozuschläge und Leistungsausschlüsse angenommen werden.

Beispiel 3: Herzangst

Dieser Interessent an einer Berufsunfähigkeitsversicherung litt über mehrere Jahre an gelegentlichem Herzrasen. Nachdem Ruhe-, 24-Stunden- und Belastungs-EKG sowie verschiedene andere Untersuchungen keine Hinweise lieferten, stellte der Hausarzt die Diagnose „F 45.2 Hypochondrische Störung (Herzangst)“. Erst später wurden während eines stationären Aufenthalts in einem Herzzentrum „schnelle Herzrhythmusstörungen aus den Herzvorhöfen“ festgestellt und durch Ablation beseitigt.

Natürlich wäre mit diesen ursprünglichen Diagnosen der Antrag abgelehnt worden. Da inzwischen aber die wahre Ursache der Beschwerden aufgedeckt und beseitigt wurde und der Hausarzt dies bestätigte, kam der Vertrag zu Normalkonditionen zustande.

Diese positiven Beispiele stellen jedoch eine Ausnahme dar. Sie sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Abschluss einer Berufs- oder Erwerbsunfähigkeitsversicherung bei schwereren psychischen Erkrankungen häufig bis 5 Jahre nach Beschwerde- und Behandlungsfreiheit nicht oder nur eingeschränkt möglich ist.

Unser Tipp

Schließen Sie Ihre Berufsunfähigkeitsversicherung am besten rechtzeitig ab. Warten Sie nicht, bis ein Schicksalsschlag Sie an die Notwendigkeit erinnert. Denn dann ist es meist zu spät.

Wenn Sie innerhalb der letzten 5 Jahre in psychischer Behandlung, Untersuchung oder Beratung waren, kann Ihnen vielleicht (je nach Art und Schwere der Vorerkrankung) ein Versicherungsmakler mittels Risiko-Voranfragen helfen, doch noch einen guten Tarif ohne dauerhaften Ausschluss zu finden.