Erwerbsunfähigkeitsversicherung – Alternative oder Notlösung?

Wann leistet eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung?

erzgebirgische Handwerkskunst Auch eine private Erwerbsunfähigkeitsversicherung kann vor den finanziellen Folgen des Verlustes der Arbeitskraft schützen. Die Erwerbsunfähigkeitsrente wird jedoch frühestens dann gezahlt, wenn die versicherte Person aufgrund ihres Gesundheitszustands gar keiner Tätigkeit des allgemeinen Arbeitsmarkts mehr als 3 Stunden täglich nachgehen kann.

Bei der Beurteilung der Erwerbsunfähigkeit spielen

  • der zuletzt ausgeübte Beruf,
  • die bisherige Lebensstellung (soziale Wertschätzung und bisheriges Einkommen) und
  • die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt (Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen)

keine Rolle. Unberücksichtigt bleiben lediglich Arbeitsplätze in eigens für Behinderte eingerichteten Werkstätten und Heimen.

Wenn beispielsweise ein Handwerksmeister mit seinen gesundheitlichen Beschwerden derzeit noch mindestens 3 Stunden täglich als Verkäufer im Baumarkt tätig sein könnte, werden keine Versicherungsleistungen fällig – auch wenn er diesen Job gar nicht angeboten bekommt. Damit ist der Versicherungsschutz einer Erwerbsunfähigkeitsversicherung im Vergleich zur Berufsunfähigkeitsversicherung sehr lückenhaft.

Trotzdem empfehlen einige Vertreter der Versicherungsbranche den Abschluss einer Erwerbsunfähigkeitsversicherung als preiswerte Alternative, ohne umfassend über die Nachteile zu beraten.

Der Trick der Marketing-Experten

Wenn Sie handwerklich oder körperlich tätig sind, haben Sie dies bestimmt auch schon erlebt. Der vorsorgliche Vermittler zeigt Ihnen das Risiko einer Berufsunfähigkeit auf und begründet damit die Notwendigkeit einer Erwerbsunfähigkeitsversicherung. Wie hoch jedoch die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbsunfähigkeit wirklich ist, verschweigt er. Zu viele Daten würde vermutlich das Verkaufsgespräch stören. Augenzwinkern

Wie wahrscheinlich sind Berufs- bzw. Erwerbsunfähigkeit?

Betrachten wir dies am besten an zwei konkreten Beispielen (Stand: 01.04.2018)

Beispiel 1: 25-jähriger Bürokaufmann

Die statistische Wahrscheinlichkeit, bis zum 65. Lebensjahr berufsunfähig zu werden, liegt für ihn bei 39,0% – die einer Erwerbsunfähigkeit bei 24,4%.

Die Erwerbsunfähigkeitsversicherung ist zwar etwas preiswerter, versichert aber (etwas vereinfacht ausgedrückt) nur knapp 2/3 des BU-Risikos.

Beispiel 2: 25-jähriger Fliesenleger

Die statistische Wahrscheinlichkeit, bis zum 65. Lebensjahr berufsunfähig zu werden, liegt für ihn bei 65,1% – die einer Erwerbsunfähigkeit bei 27,8%.

In den meisten Fällen wird der Fliesenleger also berufsunfähig – aber nicht erwerbsunfähig und erhält dann keinerlei Leistungen aus der EU-Versicherung.

Das zweite Beispiel verdeutlicht: Von 100 Fliesenlegern werden statistisch gesehen 65 berufsunfähig, aber nur 28 erwerbsunfähig. Für diese 28 Fliesenleger wäre natürlich auch eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung hilfreich. Für die 37 Fliesenleger, die „nur“ berufsunfähig – aber nicht erwerbsunfähig – werden, ist die EU-Versicherung dagegen wertlos.

Besser ist es, sich rechtzeitig mit dem Thema „Arbeitskraftabsicherung“ zu beschäftigen. Meist ist es schon während der Schulzeit absehbar, welches Kind einen sogenannten Risikoberuf erlernen oder ausüben will. Und zu diesem Zeitpunkt haben auch Schüler noch eine Chance auf vollwertigen und dauerhaft preiswerten BU-Schutz.

Ist eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung wirklich preiswert?

Unter Berücksichtigung des eingeschränkten Versicherungsschutzes erscheint die EU-Versicherung dann nicht mehr ganz so preiswert. In einem Tarif mittlerer Qualität muss beispielsweise der 25-jähriger Fliesenleger für eine versicherte monatliche Erwerbsunfähigkeitsrente in Höhe von 1.500 € bis zum 65. Lebensjahr je nach Anbieter zwischen 61 € und 102 € monatlich bezahlen. Und es gibt noch ein Problem.

Erwerbsunfähigkeitsversicherungen bieten keine Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit.

Bei Lebens- und Rentenversicherungen bieten die Versicherer gegen einen geringen Mehrbeitrag einen Zusatzbaustein „Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit“ an. Dann übernimmt der Versicherer die weitere Beitragszahlung, falls die versicherte Person berufsunfähig wird. Das Sparziel bleibt somit ungefährdet.

Genauso könnten die Versicherer auch die Erwerbsunfähigkeitsversicherung mit einem solchen Zusatzbaustein ausstatten und die weitere Beitragszahlung übernehmen, falls der Versicherte zunächst „nur“. Haben die Versicherer übersehen, dass auch eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung im Falle einer Berufsunfähigkeit erhalten bleiben muss, weil sich der Gesundheitszustand des Versicherten im Laufe der Zeit noch weiter verschlechtern kann? Oder haben die Versicherungsunternehmen nur ein begrenztes Interesse, einen berufsunfähig gewordenen Versicherten weiterhin gegen Erwerbsunfähigkeit zu versichern. Sind sie vielleicht sogar froh, wenn der Betroffene seine EU-Versicherung kündigt?

Jedenfalls gibt es derzeit kaum Erwerbsunfähigkeitsversicherungen mit Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit.

Wovon sollen die Beiträge bezahlt werden, wenn der Versicherte zunächst nur berufsunfähig wird?

Es gibt unbestritten Krankheiten und Schicksalsschläge, bei denen die versicherte Person in kürzester Zeit aus dem Berufsleben gerissen und sofort erwerbsunfähig wird. Es gibt auch viele Krankheiten, die ganz allmählich oder in Schüben verlaufen und erst nach Jahren der Berufsunfähigkeit letztendlich zur Erwerbsunfähigkeit führen. Leider gibt es hierzu keine verlässliche Daten.

Wovon soll der Betroffene die Beiträge für seine EU-Versicherung weiterbezahlen, so lange er „nur“ berufsunfähig ist? Er hat dann zwar seinen Job und sein ursprüngliches Einkommen verloren – die Beiträge müssen aber weiter in voller Höhe gezahlt werden. Häufig wird der Versicherte hierzu nicht in der Lage sein und den Versicherungsschutz zum ungünstigsten Zeitpunkt aus finanziellen Gründen kündigen müssen. Wenn das Fortschreiten der Erkrankung einige Jahre später doch noch zur Erwerbsunfähigkeit führt, besteht dann kein Versicherungsschutz mehr. Dies ist sowohl für Verbraucher als auch für verantwortungsvolle Vermittler unbefriedigend. Wann bessern die Versicherungsgesellschaften nach?

Auch Analysehäuser sollten ihre Bewertung von Erwerbsunfähigkeitsversicherungen überprüfen!

Versicherungsvertreter und -makler leben von Provisionen bzw. Courtagen und sind damit auf eine erfolgreiche Vermittlung von Versicherungen angewiesen. Insofern ist es zwar nachvollziehbar – aber nicht unbedingt lobenswert – wenn einige Vermittler aus Mangel an Alternativen auch Erwerbsunfähigkeitsversicherungen in der jetzigen Form relativ unkritisch empfehlen und vermitteln. Aber sie bekommen derzeit auch noch Rückendeckung von Analysehäusern, die Erwerbsunfähigkeitsversicherungen mit dem besten Produktrating bewerten – selbst wenn diese Tarife keine Möglichkeit der Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit bieten.

Nach meiner Ansicht geht eine solche Bewertung am tatsächlichen Kundeninteresse vorbei. Deshalb appelliere ich an alle Analysehäuser, bei der Erstellung von Ratings nicht nur die einzelnen Bedingungspunkte der aktuellen Angebote zu vergleichen, sondern auch das Kundeninteresse ausreichend zu berücksichtigen. Eine Versicherung zur Absicherung der Arbeitskraft, die ein Versicherter bei eingeschränkter Arbeitskraft (sprich: Berufsunfähigkeit) mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr bezahlen kann, hat nun wirklich keine Bestnoten oder Auszeichnungen verdient. Aber wie unsinnig manche Auszeichnungen sind, verdeutlicht der Blogbeitrag zur besten Berufsunfähigkeitsversicherung eindrucksvoll.

Fazit:

Wünschenswert wäre, dass sich jeder Interessent einen vollwertigen BU-Schutz in angemessener Höhe leisten kann. Dann gäbe es auch nichts dagegen einzuwenden, wenn zur Vervollständigung der Angebotspalette auch Erwerbsunfähigkeitsversicherungen mit dem Baustein „Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit“ angeboten werden.

Eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung ohne eine solche BU-Beitragsbefreiung ist nach meiner Ansicht aber keine Alternative zur Arbeitskraftabsicherung – sondern lediglich eine unbefriedigende Notlösung.

Das Problem der fehlenden Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit besteht auch bei den meisten Grundfähigkeits-, Dread-Disease- und Multi-Risk-Versicherungen! Allerdings betrachte ich diese Produkte keinesfalls als Versicherungen zur Arbeitskraftabsicherung. Denn diese Versicherungen erbringen oder verweigern die Leistungen unabhängig davon, ob die versicherte Person noch eine (Rest-)Arbeitskraft besitzt.

Stellungnahme der Swiss Life AG - Niederlassung für Deutschland vom 11.05.2016:
Ziel einer EU-Police ist es, einen einfacheren (mit Blick auf die Risikoprüfung) und günstigeren (mit Blick auf die Prämie) Zugang zur Arbeitskraftabsicherung zu verschaffen, als dies bei einer BU-Police der möglich ist. Dies gelingt durch einen Leistungsbegriff, der unterhalb dem von der BU angesiedelt ist: Anstelle der Fähigkeit, die zuletzt in gesunden Tagen ausgeübte Tätigkeit auszuüben, ist bei der EU nur noch die Fähigkeit versichert, eine Tätigkeit des allgemeinen Arbeitsmarktes auszuüben.
 
Durch Einschluss einer BUZ-B wird dieser gewollt reduzierte Leistungsumfang teilweise wieder ausgehebelt – denn bei der BUZ-B ist dann wieder der klassische Leistungsbegriff der BU mitversichert. Man hätte daher dann im Prinzip die gleiche Risikoprüfung wie bei der BU, was das Produkt komplexer macht. In der Abwicklung könnte dies auch bedeuten, dass EU angenommen wird, die Beitragsbefreiung aber nicht. Und das günstigere Prämienniveau ginge zumindest teilweise wieder verloren. Die Erreichung der ursprünglich mit einer EU-Police angestrebten Ziele würde man daher durch zusätzlichen Einschluss einer BUZ-B konterkarieren.
Statement des Continentale Versicherungsverbundes auf Gegenseitigkeit vom 13.05.2016:
Da die Erwerbsunfähigkeitsversicherung – neben der Berufsunfähigkeitsversicherung – die einzig „echte“ Alternative zur Absicherung der Arbeitskraft ist, stehen wir der Produktidee grundsätzlich offen gegenüber. Derzeit befinden wir uns in der Phase von Vorüberlegungen. Zu Bedenken ist hierbei, dass durch eine solche Regelung die Grenzen zwischen Berufs- und Erwerbsunfähigkeit weiter schwinden und die Produktabgrenzung komplizierter werden würde.
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