Zeigt die BU-Prozessquote faire Versicherer bei Eintritt einer Berufsunfähigkeit?

Gerichtshammer mit Fragezeichen

zuletzt aktualisiert am 18.06.2018

Wer eine wichtige Versicherung abschließt, erwartet von seinem Vetragspartner natürlich auch Zuverlässigkeit im Leistungsfall. Ideal wäre es, wenn es hierfür eine Kennzahl gäbe. In diesem Zusammenhang wird gelegentlich die BU-Prozessquote genannt. Aber kann eine einzige Kennzahl wirklich Auskunft über die Fairness eines Versicherers im Leistungsfall – also bei Eintritt einer Berufsunfähigkeit – geben? Betrachten wir folgende Punkte etwas genauer.

Wie wird die BU-Prozessquote ermittelt?

  • Der Brancheninformations-Dienst „map-report“ setzt die durchschnittliche Anzahl der Leistungsprozesse ins Verhältnis zu den regulierten BU-Schäden. Dabei bleibt unberücksichtigt, ob ein Prozess berechtigt oder unberechtigt war. Aber ein Versicherer muss unberechtigte Ansprüche ablehnen können – notfalls auch gerichtlich.
  • Das Analysehaus „Morgen und Morgen“ setzt die Anzahl der vom Versicherer verlorenen Prozesse ins Verhältnis zu den vom Versicherer abgelehnten Leistungsfällen. Allerdings werden nur circa 10,0% der BU-Leistungsprozesse vom Versicherer verloren. Mit rund 62,0% deutlich höher ist die Anzahl der Prozesse, die mit einem Vergleich enden. Hierzu vertritt das Analysehaus jedoch die Auffassung, dass vor Gericht vereinbarte Vergleiche weder gut noch schlecht sind und berücksichtigt solche Vergleiche nur anteilig. Doch wer erst nach langem Rechtsstreit einem Vergleich zustimmt und nur einen Teil der ursprünglich vereinbarten BU-Rente erhält, wird dies anders sehen.

Die unterschiedlichen Ansätze führen teilweise zu völlig gegensätzlichen Ergebnissen. So kann sich jeder Versicherer die für ihn günstigere Variante für die Werbung aussuchen.

Was verschweigt uns die so ermittelte Prozessquote?

Natürlich werden die meisten BU-Leistungsanträge schnell und zur Zufriedenheit der Betroffenen bearbeitet. Aber wenn es im Leistungsfall zu Streitigkeiten bei der Anerkennung der Berufsunfähigkeit kommt, kann sich ein Prozess auch über Jahre hinziehen. Wie werden also Prozesse gewertet, die in der ersten Instanz vom Versicherungsnehmer gewonnen wurden – nun aber auf Betreiben des Versicherers in die nächste Instanz gehen? Wie berücksichtigt die BU-Prozessquote, wenn ein Versicherer nach jahrelangem Rechtsstreit eine drohende Niederlage schnell noch durch einen Vergleich abwendet? Dürfen solche Vergleiche wirklich als „weder gut noch schlecht“ gewertet werden?

Wie viele Versicherte verzichten trotz Berufsunfähigkeit auf eine gerichtliche Auseinandersetzung, weil die Aussicht auf Erfolg wegen einer verbraucher­unfreundlichen Klausel in den Versicherungsbedingungen gering ist? Ein solcher Verzicht macht zwar den Tarif nicht besser, trägt aber durchaus zur Verbesserung der Prozessquote bei.

Viele Versicherungsgesellschaften vereinbaren in ihren Versicherungsbedingungen, dass Sie in bestimmten Fällen auch ein zeitlich befristetes Anerkenntnis ihrer Leistungspflicht aussprechen können. Wie berücksichtigt die BU-Prozessquote, wenn die Leistung befristet anerkannt wurde und es erst nach Ablauf der Frist zu Streitigkeiten kommt?

Wie beeinflusst der Versicherungsbestand die BU-Prozessquote?

Sowohl das Alter als auch die Zusammensetzung der BU-Verträge im Bestand eines Versicherers haben einen enormen Einfluss auf die BU-Prozessquote.

  • Wenn eine Versicherungsgesellschaft jahrelang über seinen Strukturvertrieb Lebensversicherungen mit BUZ-Minirenten oder lediglichen BUZ-Beitragsbefreiungen vermittelte, wird es bei diesen BU-Leistungsfällen naturgemäß nur wenige Prozesse geben. Für das Unternehmen ist es ökonomischer, diese geringen Leistungsansprüche anzuerkennen, als sie mittels kostenintensiver Gutachten abzulehnen. Das wirkt sich positiv auf die Prozessquote aus – bedeutet aber nicht, dass dieser Versicherer bei einem Leistungsantrag größerer Ordnung genauso handelt.
  • Hat eine Gesellschaft jahrelang BU-Versicherungen mit ungünstigen Versicherungsbedingungen (zum Beispiel ohne Verzicht auf sein abstraktes Verweisungsrecht oder vielen Leistungsausschlüssen) angeboten, dann muss der Versicherungsnehmer häufiger eine Leistungsablehnung auch ohne Prozess akzeptieren. Oder würden Sie eine aussichtslose Klage gegen den BU-Versicherer einreichen? Jede Leistungsablehnung ohne (verlorenen) Prozess verbessert aber die BU-Prozessquote.
  • Ähnliches gilt, wenn ein Versicherungsunternehmen einen relativ jungen Versicherungsbestand hat. Bei BU-Fällen innerhalb der ersten 5 Jahre nach Vertragsabschluss kann der Versicherer unter bestimmten Voraussetzungen schon bei einer fahrlässigen Verletzung der vorvertragliche Anzeigepflicht die Leistungen verweigern. Bei Vorsatz oder Arglist verlängert sich diese Frist auf 10 Jahre. Da die vorvertragliche Anzeigepflicht aber leider noch nicht von allen Antragstellern ernst genug genommen wird, treten gerechtfertigte Leistungsablehnungen bei jungen Beständen folglich öfters auf. Demzufolge sollte die BU-Prozessquote bei Versicherungs­gesellschaften mit jungen Beständen normalerweise niedriger sein, als bei Gesellschaften mit älteren Vertragsbeständen.

Diese Aufzählung ist beispielhaft und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Aber sie verdeutlicht, dass man aus einer einzigen Zahl kaum auf das Prozess- bzw. Leistungsverhalten einer Versicherungs­gesellschaft schließen kann. Trotzdem wollen wir Ihnen die Prozessquoten bei BU-Leistungsfällen nicht vorenthalten.

BU-Prozessquoten (Anzahl verlorener Prozesse zu abgelehnten Leistungsfällen)

Gesellschaft BU-Prozessquote
Stand: 2015
BU-Prozessquote
Stand: 2016
BU-Prozessquote
Stand: 2017
BU-Prozessquote
Stand: 2018
Allianz 1,10 % 1,21 % 1,30 % 1,27 %
Alte Leipziger 1,40 % 1,49 % 1,13 % 0,89 %
AXA 1,48 % 1,46 % 1,75 % 1,93 %
Barmenia 1,92 % 1,37 % 0,69 %
Condor 14,94 % 6,49 % 4,05 % 3,61 %
Continentale 1,18 % 0,99 % 0,97 % 0,96 %
Dialog 0,00 % 0,00 % 0,00 %
die Bayerische 0,00 % 0,00 % 0,83 %
Gothaer 0,00 % 1,17 % 2,35 % 3,73 %
Hannoversche Leben 3,70 % 2,39 % 2,08 %
HDI 1,11 % 1,45 % 1,26 % 1,13 %
HUK-COBURG 5,25 % 6,61 % 6,29 %
LV 1871 1,75 % 1,97 % 1,47 % 1,19 %
Nürnberger 1,97 % 2,21 % 2,31 % 1,52 %
Stuttgarter 1,20 % 0,79 % 2,92 % 3,90 %
Swiss Life 0,72 % 0,16 % 0,39 % 0,83 %
Volkswohl Bund 1,73 % 2,09 % 1,91 % 1,90 %
Württembergische 4,44 % 3,40 % 2,02 %
WWK 1,40 % 1,95 % 1,78 % 1,52 %
Zurich 2,43 % 2,24 % 2,31 % 2,95 %
Quelle: eigene Recherchen in Print- und Onlinemedien sowie Veröffentlichungen der Versicherer

Unser Tipp:

Anhand der Prozessquote können Sie vielleicht zwei bis drei Versicherer finden, die Sie meiden sollten. Aber es wäre völlig falsch, seinen BU-Versicherer anhand der niedrigsten Prozessquote auszuwählen.

Denn erstens ermitteln verschiedene Analysehäuser diese nach unterschiedlichen Methoden und kommen damit auch zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen. Und zweitens sind es lediglich Vergangenheitswerte. Interne Richtlinien der Versicherer zur Leistungsprüfung können aber jederzeit geändert werden. So lassen sich keinerlei Rückschlüsse auf das Leistungsverhalten einer Gesellschaft bei einer Berufsunfähigkeit in 10, 20 oder gar 30 Jahren ableiten. Dies zeigen auch die teilweise drastischen Veränderungen innerhalb nur eines Jahres. Aber Berufsunfähigkeitsversicherungen für Schüler, Studenten und junge Berufsstarter laufen meist über 40 Jahre und mehr.

Wesentlich wichtiger als eine unterdurchschnittliche Prozessquote sind vorteilhafte Versicherungsbedingungen. Diese bleiben während der gesamten Vertragsdauer gültig und deren Einhaltung kann man notfalls auch einklagen – die Einhaltung von Prozessquoten dagegen nicht! Und bedenken Sie auch: Ein Versicherer mit schlechten Versicherungsbedingungen kann einen Leistungsantrag viel einfacher ablehnen und muss dabei nicht einmal eine gerichtliche Auseinandersetzung oder eine schlechte Prozessquote befürchten.

Lassen Sie sich doch vom Vermittler Ihres Vertrauens nicht nur die Vorteile – sondern auch einmal die Nachteile des von ihm vorgeschlagenen Tarifs aufzeigen und im Beratungsprotokoll festhalten.Augenzwinkern

Das könnte Sie auch interessieren:

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel:

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.





Ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen und bin mit der Speicherung und Verarbeitung meiner Daten durch den Betreiber dieser Website einverstanden.*

Mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder und müssen ausgefüllt werden.