Berufsunfähigkeit bei Teilzeitbeschäftigung

aktualisiert am 13.06.2020 Schriftzug Teilzeit

Laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit arbeiteten 2018 von 15,1 Mio sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen 7,2 Mio in Teilzeit. Bei den Männern waren es von insgesamt 17,5 Mio nur 1,9 Mio. All diese Teilzeitkräfte werden mit der jetzigen Form der Berufsunfähigkeitsversicherung benachteiligt. Lesen Sie nachfolgend, warum.

Berufsunfähigkeitsversicherungen ohne Teilzeitklausel

Die Berufsunfähigkeitsrente wird erst ab einem vertraglich fixierten Grad der Berufsunfähigkeit gezahlt. Bei den meisten Tarifen sind dies 50 Prozent. Basis der Ermittlung ist der zuletzt ausgeübte Beruf, so wie er ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen ausgestaltet war. Enthalten die Versicherungsbedingungen keine Teilzeitklausel, gilt dies auch für Teilzeitbeschäftigte.

Zur Verdeutlichung:

Eine mit einer Arbeitszeit von 8 Stunden täglich angestellte Erzieherin, ist – etwas vereinfacht ausgedrückt – also schon dann berufsunfähig, wenn sie ihre Tätigkeit nicht mehr zu mindestens 4 Stunden täglich ausüben kann. Ihre mit 4 Stunden täglich in Teilzeit angestellte Kollegin gilt dagegen erst als berufsunfähig, wenn sie diese Tätigkeit keine 2 Stunden täglich mehr schafft. Die gesundheitlichen Beschwerden der in Teilzeit beschäftigten Kollegin müssen also deutlich höher sein, um Leistungen aus der Berufsunfähigkeitsversicherung zu bekommen.

Bei einer Berufsunfähigkeitsversicherung ohne Teilzeitklausel sind Teilzeitbeschäftige also stark benachteiligt, denn:

  • Teilzeit- und Vollzeitkräfte müssen bei der Beantragung einer Berufsunfähigkeitsversicherung die gleichen Gesundheitsfragen beantworten und die Antragsprüfung unterliegt auch den gleichen Regeln.
  • Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigte zahlen bei sonst vergleichbaren Gegebenheiten die gleichen Beiträge zur Berufsunfähigkeitsversicherung.
  • Aber die gesundheitlichen Beeinträchtigungen müssen bei Teilzeitbeschäftigten deutlich höher sein, um als berufsunfähig zu gelten.

Doch es wird noch kurioser!

Betrachten wir hierzu eine versicherte Vollzeitbeschäftigte, die ihre Berufstätigkeit wegen Erziehung der Kinder, Pflege von Angehörigen oder auch wegen Arbeitslosigkeit unterbrechen muss und gerade in einer solchen Phase berufsunfähig wird. Bei günstigen Berufsunfähigkeitsversicherungen prüft der Versicherer auch dann die Berufsunfähigkeit anhand der zuletzt ausgeübten beruflichen Tätigkeit – also anhand der Vollzeittätigkeit.

Kurios wird es jedoch, wenn die versicherte Person wegen der oben genannten Gründe ihren Beruf nicht gänzlich aufgibt, sondern die Tätigkeit von Vollzeit auf Teilzeit reduziert. Dann wird die Berufsunfähigkeit nämlich nicht mehr anhand der vorher ausgeübten Vollzeittätigkeit sondern anhand der zuletzt ausgeübten Teilzeittätigkeit geprüft.

Dies gilt natürlich nicht, wenn die versicherte Person aus gesundheitlichen Gründen von einer Vollzeit- in eine Teilzeitbeschäftigung wechselte. Denn entsprechend der Definition des Begriffs Berufsunfähigkeit muss der BU-Grad selbstverständlich weiterhin anhand der Vollzeitbeschäftigung geprüft werden. Schließlich war dies die zuletzt „ohne gesundheitliche Beeinträchtigung“ ausgeübte Tätigkeit.

Eine Teilzeitklausel kann für Transparenz und Gerechtigkeit sorgen.

Besondere Klauseln für bestimmte Berufs- oder Personengruppen sind durchaus üblich. Und jeder Versicherer kann mit einer solchen Klausel seine Versicherungsbedingungen gegenüber den gesetzlichen Vorgaben verbessern oder zumindest für mehr Transparenz sorgen. Insofern ist es grundsätzlich lobenswert, wenn Versicherungsgesellschaften eine Teilzeitklausel in ihre Versicherungsbedingungen aufnehmen. Ob diese Klausel für den Versicherten einen echten Vorteil bringt, entscheidet der Wortlaut der jeweiligen Klausel. Schauen wir uns nachfolgend die Klauseln einzelner Gesellschaften an.

Württembergische Lebensversicherung AG

Die Württembergische veröffentlichte im Juni 2019 die erste Teilzeitklausel mit folgendem Wortlaut:

Wenn die versicherte Person ihre berufliche Tätigkeit von Vollzeit auf Teilzeit reduziert, gilt in den nächsten 12 Monaten Folgendes:
Wenn Sie einen Antrag auf Berufsunfähigkeit stellen, legen wir die berufliche Tätigkeit in Art und Umfang vor Reduzierung der Arbeitszeit zugrunde.

Wegen der zeitlichen Befristung bietet diese Klausel keinen großen Mehrwert – zumal ohnehin die Vollzeittätigkeit heranzuziehen ist, falls der Wechsel in die Teilzeit aus gesundheitlichen Gründen erfolgte. Auf Grund der speziellen Formulierung kommt die Klausel auch nicht zum Tragen, wenn eine bereits vorhandene Teilzeittätigkeit noch weiter reduziert wird. Diese Klausel ist eindeutig „mangelhaft“.

Condor Lebensversicherungs-AG

Im Juli 2019 überraschte die Condor mit einer umfassenderen Teilzeitklausel, die sie dann im Januar 2020 noch wie folgt verbesserte:

Reduziert die versicherte Person während der Versicherungsdauer aus anderen als medizinischen Gründen ihre vertraglich fixierte wöchentliche Arbeitszeit, bleibt für die Beurteilung einer Berufsunfähigkeit die während der Versicherungsdauer höchste vertraglich fixierte wöchentliche Arbeitszeit maßgebend (Teilzeitklausel). Alle anderen Regelungen dieser Bedingungen (z.B. die Prüfung auf die zuletzt ausgeübte Tätigkeit, so wie diese ohne gesundheitliche Beeinträchtigung ausgestaltet war, und die damit verbundene Lebensstellung) bleiben hiervon unberührt. Nachweise über die jeweiligen Arbeitszeiten sind uns vorzulegen.
Entsprechendes gilt, wenn die Arbeitszeitreduktion vom Arbeitgeber angeordnet wird (z. B. Kurzarbeit).
Schließen Sie die Berufsunfähigkeitsversicherung als Schülerin/Schüler oder als Studentin/Student ab, ist diese Tätigkeit eine Vollzeittätigkeit mit 40 Wochenarbeitsstunden.

Mit dieser Klausel beseitigt die Condor einen großen Nachteil für versicherte Vollzeitkräfte, die während der Vertragslaufzeit in Teilzeit wechseln. Allerdings bietet diese Klausel keinerlei Vorteil für die Versicherten, die schon bei Abschluss der Berufsunfähigkeitsversicherung teilzeitbeschäftigt waren. Die Klausel ist noch nicht perfekt, ich bewerte sie jedoch mit „gut“.

Lebensversicherung von 1871 a. G.

Einen ganz anderen Ansatz wählte die LV 1871 mit ihrer im Mai 2020 eingeführten Teilzeitklausel:

Teilzeitbeschäftigung im Sinne dieser Bedingungen liegt vor, wenn die versicherte Person
  • arbeitsvertraglich oder auf selbstständiger Basis wöchentlich weniger als 30 Stunden arbeitet und
  • keine Tätigkeit als Schüler/in, Studierende(r) oder Auszubildende(r) ausübt.
Bei der Feststellung des beruflichen Tätigkeitsbildes zur Ermittlung des Grades der Berufsunfähigkeit berücksichtigen wir bei Teilzeitbeschäftigten neben der Erwerbstätigkeit auch folgende Tätigkeiten, falls diese ausgeübt werden:
  • die Tätigkeit als Hausfrau/-mann im Sinne von Absatz 5 a) und
  • die Tätigkeit im Rahmen der Versorgung von pflegebedürftigen Angehörigen, die im gleichen Haushalt leben.

Positiv hervorzuheben ist in jedem Fall, dass diese Klausel auch für Versicherte gilt, die bereits bei Vertragsabschluss teilzeitbeschäftigt waren.

Zur inhaltlichen Bewertung stelle ich mir aber nun eine mit täglich 4 Stunden teilzeitbeschäftigte Friseuse vor, die wegen einer berufsbedingten Allergie normalerweise zu 100 % berufsunfähig wäre.

Mit der o.g. Klausel könnte die LV 1871 den Grad der Berufsunfähigkeit auf 50 % herunterrechnen, wenn die Friseuse neben ihrer Erwerbstätigkeit auch noch 4 Stunden täglich die Haus- und Familienarbeit erledigt hat und dort nicht diesen allergischen Stoffen ausgesetzt ist. Und so lassen sich noch viele Beispiele finden, in denen ein Betroffener zwar in seiner Teilzeitbeschäftigung berufsunfähig wäre – seine außerberufliche Tätigkeit als Hausfrau/-mann aber ohne oder mit nur geringen Einschränkungen ausüben kann.

Ich glaube übrigens nicht, dass dies von der LV 1871 so beabsichtigt war. Aber letztlich zählt eben das, was in den Versicherungsbedingungen steht. Und deswegen wäre es besser, wenn die Teilzeitklausel in dieser Form nur zu Anwendung kommt, wenn dies vom Versicherungsnehmer gewünscht wird bzw. es zum Vorteil des Versicherten ist. Einen solchen Hinweis vermisse ich noch. Deshalb kann ich diese Klausel nur mit „befriedigend“ bewerten.

Volkswohl Bund Lebensversicherung a.G.

Seit Juni 2020 bietet auch der Volkswohl Bund eine Teilzeitklausel an. Danach gilt:

Reduziert die versicherte Person innerhalb der Versicherungsdauer den zeitlichen Umfang ihrer arbeitsvertraglich vereinbarten Vollzeittätigkeit wegen

  • gesetzlicher Elternzeit (innerhalb der ersten 36 Monate),
  • Pflege eines Angehörigen (innerhalb der ersten 24 Monate) oder
  • Kurzarbeit (innerhalb der ersten 12 Monate)

auf eine Teilzeittätigkeit, so wird innerhalb der oben genannten Fristen (jeweils seit Reduzierung auf die Teilzeittätigkeit) bei der Prüfung des BU-Grads die vertraglich vereinbarte, wöchentliche Arbeitszeit der ursprünglichen Vollzeittätigkeit zugrunde gelegt.

Da bei dieser Klausel die Gründe für die Teilzeitarbeit und dann auch noch Fristen vorgegeben sind, verdient auch diese Klausel nur das Prädikat „mangelhaft“.

Werden sich spezielle Klauseln für Teilzeitbeschäftigte in der Berufsunfähigkeitsversicherung durchsetzen?

Ich bin da sehr zuversichtlich. Denn die Benachteiligung von Teilzeitbeschäftigten bei der Prüfung der Berufsunfähigkeit wird schon seit Jahren diskutiert. Deshalb können Mitbewerber und Ratingagenturen eine solche Teilzeitklausel nicht einfach als Marketing-Gimmick darstellen. Außerdem hat die Condor damit ein neues Alleinstellungsmerkmal geschaffen. Das werden ihr die führenden BU-Versicherer nicht lange Zeit gönnen und demnächst sicher vergleichbare oder vielleicht sogar noch umfassendere Teilzeitklauseln in ihre Bedingungswerke aufnehmen.

Warum sollte die Berufsunfähigkeit bei Teilzeitbeschäftigten nicht grundsätzlich anhand einer Vollzeittätigkeit geprüft werden? Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigte beantworten die gleichen Gesundheitsfragen und zahlen unter ansonsten vergleichbaren Gegebenheiten die gleichen Beiträge. Und die finanzielle Angemessenheit der beantragten BU-Rente kann auch in der jetzt schon üblichen Weise geprüft werden.

In der Diskussion mit Maklerkollegen wurde natürlich sofort kritisiert, dass der Begriff „Vollzeit“ keine exakte Dauer beschreibt. In manchen Betrieben bedeutet dies 8 Stunden täglich, in anderen nur 7 Stunden. Aber ich bin mir sicher: Wenn die BU-Versicherer dies wollen, finden sie auch einen Weg. Auf www.arbeitsrechte.de wird die Vollzeit beispielsweise so definiert: „Von einer Vollzeitarbeit ist per Definition die Rede, wenn ein Arbeitnehmer die volle Arbeitszeit lang tätig ist, die in seinem Betrieb üblich ist.“

Also lassen wir uns überraschen, wie verbraucherfreundlich sich die Teilzeitklausel noch entwickeln wird. Wenn Ratingagenturen das Vorhandensein und die Qualität von Teilzeitklauseln in ihre Ratings einfließen lassen, wird die Entwicklung nicht lange auf sich warten lassen.

Wie viel kostet eine Berufsunfähigkeitsversicherung?