Berufsunfähigkeit bei Teilzeittätigkeit

erstellt am 16.07.2019

Schriftzug Teilzeit

Laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit arbeiteten 2018 von 15,1 Mio sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen 7,2 Mio in Teilzeit. Bei den Männern waren es von insgesamt 17,5 Mio nur 1,9 Mio. All diese Teilzeitkräfte werden mit der jetzigen Form der Berufsunfähigkeitsversicherung benachteiligt. Das sollten die Verantwortlichen bei den Versicherungsgesellschaften möglichst schnell ändern.

Wie wird der Grad der Berufsunfähigkeit bei Teilzeitkräften ermittelt?

Die Berufsunfähigkeitsrente wird erst ab einem vertraglich fixierten Grad der Berufsunfähigkeit gezahlt. Bei den meisten Tarifen sind dies 50 Prozent. Basis der Ermittlung ist der zuletzt ausgeübte Beruf, so wie er ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen ausgestaltet war.

Lassen Sie mich dies an einem konkreten Beispiel verdeutlichen. Eine mit einer Arbeitszeit von 8 Stunden täglich angestellte Bürofachkraft ist also schon dann berufsunfähig, wenn sie ihre Tätigkeit nicht mehr zu mindestens 4 Stunden täglich ausüben kann. Ihre mit 4 Stunden täglich in Teilzeit angestellte Kollegin gilt dagegen erst als berufsunfähig, wenn sie diese Tätigkeit keine 2 Stunden täglich mehr schafft. Damit ist die Teilzeitkraft stark benachteiligt, denn:

  • Teilzeit- und Vollzeitkräfte müssen bei der Beantragung einer Berufsunfähigkeitsversicherung die gleichen Gesundheitsfragen beantworten und die Antragsprüfung unterliegt auch den gleichen Regeln.
  • Teilzeit- und Vollzeitbeschäftige zahlen bei sonst vergleichbaren Gegebenheiten die gleichen Beiträge für den BU-Schutz.
  • Aber die gesundheitlichen Beeinträchtigungen müssen bei Teilzeitbeschäftigten deutlich höher sein, um als berufsunfähig zu gelten.

Ist das gerecht? Ich denke: Nein!

Doch es wird noch kurioser!

Betrachten wir hierzu eine versicherte Vollzeitbeschäftigte, die ihre Berufstätigkeit wegen Erziehung der Kinder, Pflege von Angehörigen oder auch wegen Arbeitslosigkeit unterbrechen muss und gerade in einer solchen Phase berufsunfähig wird. Bei günstigen Berufsunfähigkeitsversicherungen prüft der Versicherer auch dann die Berufsunfähigkeit anhand der zuletzt ausgeübten beruflichen Tätigkeit – also anhand der Vollzeittätigkeit.

Kurios wird es jedoch, wenn die versicherte Person wegen der oben genannten Gründe ihren Beruf nicht gänzlich aufgibt, sondern die Tätigkeit von Vollzeit auf Teilzeit reduziert. Dann wird die Berufsunfähigkeit nämlich nicht mehr anhand der vorher ausgeübten Vollzeittätigkeit sondern anhand der zuletzt ausgeübten Teilzeittätigkeit geprüft.

Diese Ungerechtigkeit hat die Condor Lebensversicherungs-AG erkannt und mit ihrer neuen Teilzeitklausel einen ersten Schritt in die richtige Richtung unternommen.

Die Teilzeitklausel der Condor Lebensversicherungs-AG

Diese Teilzeitklausel gilt seit 01.07.2019 und lautet wie folgt:

Reduziert die versicherte Person während der Versicherungsdauer ihre vertraglich oder gesetzlich fixierte wöchentliche Arbeitszeit, bleibt für die Beurteilung einer Berufsunfähigkeit die während der Versicherungsdauer höchste vertraglich oder gesetzlich fixierte wöchentliche Arbeitszeit maßgebend (Teilzeitklausel). Nachweise über die jeweiligen Arbeitszeiten sind uns vorzulegen. Entsprechendes gilt, wenn die Arbeitszeitreduktion vom Arbeitgeber angeordnet wird (z. B. Kurzarbeit).

Mit dieser Klausel bringt die Condor die erste nennenswerte Teilzeitklausel auf den Markt und beseitigt einen großen Nachteil für versicherte Vollzeitkräfte, die in Teilzeit wechseln müssen. Allerdings bietet sie in dieser Form noch keinerlei Anreiz für in Teilzeit Beschäftigte, eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen.

Werden sich Teilzeitklauseln in der Berufsunfähigkeitsversicherung durchsetzen?

Ich bin da sehr zuversichtlich. Denn die Benachteiligung von Teilzeitbeschäftigen bei der Prüfung der Berufsunfähigkeit wird schon seit Jahren diskutiert. Deshalb können Mitbewerber und Ratingagenturen eine solche Teilzeitklausel nicht einfach als Marketing-Gimmick darstellen. Außerdem hat die Condor damit ein neues Alleinstellungsmerkmal geschaffen. Das werden ihr die führenden BU-Versicherer nicht lange Zeit gönnen und demnächst sicher vergleichbare oder vielleicht sogar noch umfassendere Teilzeitklauseln in ihre Bedingungswerke aufnehmen.

Warum sollte die Berufsunfähigkeit bei Teilzeitbeschäftigten nicht grundsätzlich anhand einer Vollzeittätigkeit geprüft werden? Teilzeit- und Vollzeitbeschäftige beantworten die gleichen Gesundheitsfragen und zahlen unter ansonsten vergleichbaren Gegebenheiten die gleichen Beiträge. Und die finanzielle Angemessenheit der beantragten BU-Rente kann auch in der jetzt schon üblichen Weise geprüft werden.

In der Diskussion mit Maklerkollegen wurde natürlich sofort kritisiert, dass der Begriff „Vollzeit“ keine exakte Dauer beschreibt. In manchen Betrieben bedeutet dies 8 Stunden täglich, in anderen nur 7 Stunden. Aber ich bin mir sicher: Wenn die BU-Versicherer dies wollen, finden sie auch einen Weg. Auf www.arbeitsrechte.de wird die Vollzeit beispielsweise so definiert: „Von einer Vollzeitarbeit ist per Definition die Rede, wenn ein Arbeitnehmer die volle Arbeitszeit lang tätig ist, die in seinem Betrieb üblich ist.“

Also lassen wir uns überraschen, wie verbraucherfreundlich sich die Teilzeitklausel noch entwickeln wird. Wenn Ratingagenturen das Vorhandensein und die Qualität von Teilzeitklauseln in ihre Ratings einfließen lassen, wird die Entwicklung nicht lange auf sich warten lassen.

Wie viel kostet eine Berufsunfähigkeitsversicherung?

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