Grundfähigkeitsversicherung – Schutz bei Verlust bestimmter Grundfähigkeiten

Eine Grundfähigkeitsversicherung schützt vor den finanziellen Folgen beim Verlust bestimmter Grundfähigkeiten. Sie zahlt die vereinbarte monatliche Rente, wenn die versicherte Person durch Krankheit oder einen Unfall grundlegende menschliche Fähigkeiten wie beispielsweise Sehen, Sprechen, Hören, Gehen oder den Gebrauch der Hände über einen längeren Zeitraum (je nach Tarif zwischen 6 Monaten und 3 Jahren) verloren hat. Abgesehen von einem Unfall erfolgt der Verlust einer solchen Grundfähigkeit jedoch häufig langsam. Meist wird der Betroffene seinen Beruf schon einige Jahre vorher aufgeben müssen, bevor er Leistungen aus seiner Grundfähigkeitsversicherung erhält.

Welche Grundfähigkeiten gelten als versichert?

Hierzu gibt es keine einheitliche Regelungen. Jeder Versicherer definiert seine eigenen versicherten Grundfähigkeiten – und auch den Umfang des für die Leistung erforderlichen Verlusts. Das macht einen Vergleich und auch eine Empfehlung schwierig. Denn niemand weiß im Vorfeld, was wichtig werden könnte. Beim „€xistenz-Schutz“ der Volkswohl Bund Lebensversicherung a.G. sind beispielsweise folgende Grundfähigkeiten versichert (Stand 07/2018):

  • Sehen
    Das Sehvermögen muss auch nach Einsatz von Hilfsmitteln (Brille, Kontaktlinsen) oder anderen therapeutischen Maßnahmen so stark eingeschränkt sein, dass bei jedem Auge nur noch ein Restsehvermögen von höchstens 5 % oder eine Einschränkung des Gesichtsfeldes auf höchstens 15 Grad Abstand vom Zentrum besteht.
  • Hören
    Das Hörvermögen muss auch unter Nutzung von Hilfsgeräten (z. B. Hörgeräte) auf beiden Ohren so eingeschränkt sein, dass jeweils ein Resthörvermögen von höchstens 20 % besteht.
  • Sprechen
    Die Sprechfähigkeit oder die sprachliche Ausdrucksfähigkeit muss nach abgeschlossenem Spracherwerb auch bei Verwendung geeigneter Hilfsmittel so weit eingeschränkt sein, dass der Versicherte von seinem sozialen Umfeld nicht mehr verstanden wird, weil er keine verständlichen Worte mehr formen kann.
  • Geistige Leistungsfähigkeit
    Ein Verlust liegt vor, wenn die geistige Leistungsfähigkeit (wie z. B. Gedächtnis, Konzentration, Aufmerksamkeit, Auffassung, Handlungsplanung) des Versicherten so schwer gestört ist (z. B. durch eine Hirnschädigung, Schizophrenie, Psychose), dass er alltagsrelevante Tätigkeiten nicht mehr ausüben kann.
    Dies muss durch einen Neuropsychologen bzw. einen Facharzt für Neurologie unter Verwendung der üblicherweise durchgeführten standardisierten Testverfahren nachgewiesen werden. Aufgrund dieser Tests muss sich ferner ergeben, dass der Versicherte zu den schlechtesten 10 Prozent der Bevölkerung gehört.
  • Gebrauch der Arme
    Der Gebrauch der Arme muss so eingeschränkt sein, dass die versicherte Person nicht mehr in der Lage ist, den linken oder den rechten Arm
    • seitwärts zu bewegen und abgespreizt auf Schulterhöhe 10 Sekunden zu halten sowie
    • nach vorne zu bewegen, abgespreizt auf Schulterhöhe 10 Sekunden zu halten und in beide Richtungen zu drehen.
  • Gebrauch der Hände
    Ein Verlust liegt vor, wenn die versicherte Person mit der rechten oder mit der linken Hand nicht mehr in der Lage ist, einen Wasserhahn auf- und wieder zuzudrehen.
  • Gehen und Treppensteigen
    Das Gehen bzw. Treppensteigen muss so eingeschränkt sein, dass der Versicherte auch bei Verwendung geeigneter Hilfsmittel nicht mehr selbstständig in der Lage ist,
    • eine Strecke von 400 Metern über einen ebenen Boden gehend zurückzulegen oder
    • eine Treppe von 12 Stufen mit üblicher Stufenhöhe hinauf- und hinabzusteigen, ohne eine Pause von mindestens einer Minute machen zu müssen.
  • Stehen
    Die Fähigkeit des Stehens muss so eingeschränkt sein, dass der Versicherte auch mit Veränderung der Körperhaltung nicht außerstande ist, 10 Minuten lang zu stehen, ohne sich abzustützen.
  • Knien und Bücken
    Diese Grundfähigkeiten gelten als verloren, wenn der Versicherte außerstande ist, sich aus eigener Kraft zu bücken oder hinzuknien, um mit den Fingern den Boden zu berühren, und sich danach wieder aufzurichten.
  • Sitzen
    Das Sitzen muss so eingeschränkt sein, dass der Versicherte nicht mehr in der Lage ist, 20 Minuten ununterbrochen zu sitzen, auch nicht mit Änderung der Sitzposition oder mit Abstützen auf Armlehnen
  • Gleichgewicht
    Ein Verlust liegt vor, wenn der Gleichgewichtssinn auf Dauer dermaßen gestört ist, dass ein Besteigen von Leitern bzw. von Gerüsten nicht mehr ohne stark erhöhte Unfallgefahr möglich ist. Die Störung muss durch
    • eine Verletzung oder organische Erkrankung des Gehirns (z. B. Multiple Sklerose, Schädelhirntrauma, Schlaganfall, Hirntumor, Epilepsie) oder
    • eine nachweisbare Schädigung des Gleichgewichtsorgans oder
    • eine Schädigung der kleinen Nerven der Füße und Unterschenkel (Polyneuropathie)
    verursacht worden sein. Ausgeschlossen sind Polyneuropathien, die nachweisbar auf Alkoholmissbrauch zurückzuführen sind.
  • Autofahren
    Ein Verlust dieser Fähigkeit liegt vor, wenn der Versicherte nicht mehr zum Führen eines Personenkraftwagens in der Lage ist. Dazu muss die Fahrerlaubnis nachweislich aus gesundheitlichen Gründen entzogen werden. Dies muss ein verkehrsmedizinisches Gutachten bestätigen. Alle Fälle, in denen die Fahrerlaubnis wegen Alkohol- oder Drogenmissbrauchs oder aufgrund psychischer Beeinträchtigungen entzogen wird, gelten nicht als Versicherungsfall.
  • Eigenverantwortliches Handeln
    Ein Verlust der Fähigkeit eigenverantwortlich zu handeln liegt vor, wenn die versicherte Person aufgrund einer gerichtlichen Entscheidung anhand eines psychiatrischen Gutachtens mindestens 12 Monate lang ununterbrochen gesetzlich betreut werden muss oder seit mindestens 12 Monaten ununterbrochen gesetzlich betreut wird.

Andere Versicherer haben teilweise andere Grundfähigkeiten definiert. Bei manchen Grundfähigkeitsversicherungen hat der Versicherte auch erst Anspruch auf die monatliche Rente, wenn er mehrere der definierten Grundfähigkeiten verloren hat. Einen lesenswerten Artikel hierzu hat der geschätzte Maklerkollege Philipp Wenzel hier veröffentlicht.

Allerdings sind bei jedem Anbieter auch noch Mitwirkungspflichten zu beachten, wenn Leistungen aus einer Grundfähigkeitsversicherung verlangt werden. In den Versicherungsbedingungen zum „€xistenz-Schutz“ steht hierzu unter anderem:

Sie (Anmerkung: die versicherte Person) ist allerdings aufgrund der allgemeinen gesetzlichen Schadenminderungspflicht verpflichtet, zumutbaren ärztlichen Anweisungen zur Besserung ihrer gesundheitlichen Verhältnisse Folge zu leisten. Zumutbar sind dabei Maßnahmen, die gefahrlos und nicht mit besonderen Schmerzen verbunden sind und die außerdem Aussicht auf zumindest Besserung (bis zur Leistungsgrenze) bieten. Hierbei handelt es sich um Maßnahmen wie z. B. Suchtentzug, die Verwendung von orthopädischen oder anderen Heil- und Hilfsmitteln (z. B. Tragen von Prothesen, Verwendung von Seh- und Hörhilfen), die Durchführung von logopädischen Maßnahmen oder das Tragen von Stützstrümpfen.

Der Versicherer könnte also im Extremfall selbst nach einem schweren Unfall mit abgetrennten Gliedmaßen die Leistungen verweigern, wenn der Betroffene mit einer Handprothese einen Wasserhahn auf- und wieder zuzudrehen oder mit einer Beinprothese die oben genannten Strecken Gehen und Treppensteigen kann.

Die Kosten im Vergleich

Um die Beiträge einer Berufsunfähigkeits-, einer Erwerbsunfähigkeits- und einer Grundfähigkeitsversicherung sinnvoll zu vergleichen, haben wir mit der Volkswohl Bund Lebensversicherung a.G. eine der wenigen Versicherungsgesellschaften ausgesucht, die alle drei Versicherungsarten anbieten.

Für eine 25-jährige Krankenschwester bzw. einen 25-jährigen Krankenpfleger berechnen sich hier bei einer versicherten monatlichen Rente in Höhe von 1.500 € bis zum 65. Lebensjahr (Stand: 01.07.2018) folgende Zahlbeiträge:

in der Berufsunfähigkeitsversicherung

monatlich

138,74 €

(Tarifbeitrag: 207,07 €)

in der Erwerbunfähigkeitsversicherung

monatlich

75,64 €

(Tarifbeitrag: 122,00 €)

in der Grundfähigkeitsversicherung

monatlich

53,30 €

(Tarifbeitrag: 74,03 €)

Für eine 25-jährige Baufacharbeiterin bzw. einen 25-jährigen Baufacharbeiter berechnen sich hier bei einer versicherten monatlichen Rente in Höhe von 1.500 € bis zum 65. Lebensjahr (Stand: 01.07.2018) folgende Zahlbeiträge:

in der Berufsunfähigkeitsversicherung

monatlich

219,17 €

(Tarifbeitrag: 327,12 €)

in der Erwerbunfähigkeitsversicherung

monatlich

98,61 €

(Tarifbeitrag: 159,05 €)

in der Grundfähigkeitsversicherung

monatlich

70,61 €

(Tarifbeitrag: 98,07 €)

Ja – eine Grundfähigkeitsversicherung ist immer billiger als eine Erwerbs- oder Berufsunfähigkeitsversicherung vom gleichen Anbieter. Aber das liegt ja nicht daran, dass der Kunde bei der GF-Versicherung etwas geschenkt bekäme. Das Versicherungsunternehmen muss hier nur seltener Leistungen auszahlen.

Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch: Viele Versicherte, die durch Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit ihren Job und damit ihr Einkommen verlieren, werden trotzdem keine Leistungen aus ihrer Grundfähigkeitsversicherung erhalten. Sie werden dann sogar trotz Berufsunfähigkeit die Beiträge zur Grundfähigkeitsversicherung weiterbezahlen müssen. Denn ähnlich wie bei den meisten Erwerbsunfähigkeitsversicherungen wird keine Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit angeboten.

Wenn sich die oben genannte Krankenschwester mit ihrem Gehalt wirklich keine BU-Versicherung leisten kann und sich statt dessen für eine Grundfähigkeitsversicherung entscheiden würde – wovon soll sie die Beiträge für diese Versicherung weiterbezahlen, falls sie „nur“ berufsunfähig wird? Und die Wahrscheinlichkeit einer Berufsunfähigkeit ist für die meisten körperlich Tätigen deutlich höher als die Wahrscheinlichkeit, eine versicherte Grundfähigkeit zu verlieren.

Ist die Grundfähigkeitsversicherung eine Alternative zur Berufsunfähigkeitsversicherung?

Es gibt tatsächlich Versicherungsvermittler, die Grundfähigkeitsversicherungen als „sinnvolle und kostengünstige Alternative zur BU-Versicherung“ empfehlen, falls der umfassendere BU-Schutz zu teuer erscheint. Sie machen sich offenbar keinerlei Gedanken, warum diese preiswerter als Berufs- oder Erwerbsunfähigkeitsversicherungen sind. Oder sie haben die Versicherungsbedingungen nicht verstanden.

Die Grundfähigkeitsversicherung leistet eben nur, wenn eine versicherte Grundfähigkeit in dem definierten Umfang verlorengegangen ist. Der ausgeübte Beruf bleibt völlig unberücksichtigt. Da mag es zwar moralisch verwerflich sein, wenn beispielsweise die Krankenschwester keine Leistungen aus ihrer Grundfähigkeitsversicherung erhält, weil sie noch mit Unterarmkrücken laufen kann. Betrachtet man die Vertragsunterlagen, ist das aber korrekt. Das eigentlich Verwerfliche ist, diese Versicherungsform als private Arbeitskraftabsicherung oder sogar als Alternative zur Berufsunfähigkeitsversicherung anzubieten.

Wenn eine Grundfähigkeitsversicherung nach Eintritt einer Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit leistet, dann passiert das eher zufällig und meist erst viele Jahre später. Und der Satz, „eine schlechte Arbeitskraftabsicherung ist besser als gar keine“, mag statistisch gesehen stimmen. Ob dies auch für Sie persönlich gilt, können nur Sie selbst entscheiden.

Eine Grundfähigkeitsversicherung zur Arbeitskraftabsicherung
	              ist wie eine KFZ-Versicherung, die nur nach einem Totalschaden leistet.

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